MDR1-Defekt – ein Gendefekt mit weitreichenden Folgen

Ein Defekt im MDR1-Gen wird mittlerweile innerhalb vieler Hunde- und Katzen-Rassen vererbt. Betroffene Tiere reagieren sehr empfindlich auf bestimmte Arzneimittel. Dies kann zu schweren Vergiftungen bis hin zu Todesfällen führen. Ein Gentest ist bei bestimmten Rassen dringend empfohlen.

INHALT
Ursache Nicht vertragene Medikamente Rassen mit gehäuft vorkommendem MDR1-Defekt Symptome Behandlung und Prognose Prophylaxe
Ursache

Der sogenannte MDR1-Transporter (Multidrug Resistance Transporter) ist ein Transportprotein, das den Körper vor giftigen Fremdstoffen schützt. Er übt eine Art Türsteherfunktion im Gehirn und Nervensystem aus, indem er bestimmte Arzneimittel und Umweltgifte aktiv in die Blutbahn zurückbefördert. Außerdem spielt der MDR1-Transporter eine Rolle bei der Aufnahme von Arzneimitteln im Darm sowie ihrer Ausscheidung über die Leber und Nieren.

Durch eine Mutation (=Veränderung des Erbguts) im MDR1-Gen kommt es zu einem Funktionsverlust des MDR1-Transporters. Dieser kann dann seine Schutzfunktion nicht mehr ausreichend ausüben. So sammeln sich bestimmte Stoffe im Körper an und gelangen vermehrt ins Gehirn und Nervensystem. Dies führt zu schweren Vergiftungserscheinungen.

Nicht vertragene Medikamente

Wenn dein Tier einen MDR1-Defekt hat, dürfen einige Medikamente gar nicht und etliche Medikamente nur mit größter Vorsicht und in reduzierter Dosis eingesetzt werden. Teils ist eine tierärztliche Versorgung dadurch schwierig.

Viele Medikamente gegen Parasiten wie Flöhe, Läuse, Milben, Zecken und Würmer (=Antiparasitika), insbesondere aus der Wirkstoffgruppe der Avermectine, sowie das Durchfallmedikament Loperamid dürfen absolut nicht angewendet werden.

Viele andere Medikamente dürfen nur mit Vorsicht angewendet werden:

  • Zytostatika (=Medikamente zur Chemotherapie bei Krebserkrankungen)
  • Herzglykoside
  • Antiepileptika (=Medikamente gegen Krampfanfälle)
  • Opioide
  • Steroidhormone
  • Antiemetika (=Medikamente gegen Erbrechen)
  • Antiacida (=Medikamente, die Magensäure neutralisieren)
  • Antiviral wirkende Substanzen
  • Antibiotika
  • Antimykotika (=Medikamente gegen Pilze)
  • Zyklosporine (Wirkstoffe, die das Immunsystem unterdrücken)
  • Acepromazin (Beruhigungsmittel)

Es treten auch vereinzelt verstärkte Nebenwirkungen bei Arzneimitteln auf, die nicht zu diesen Wirkstoffklassen gehören.

Rassen mit gehäuft vorkommendem MDR1-Defekt

Betroffen sind vor allem Hütehund-Rassen wie Collies, Australian und English Shepherds, Shelties, Bobtails, Weiße, Schweizer und Deutsche Schäferhunde, Wäller, McNabs, aber auch Windhunde wie der Longhaired Whippet, Silken Windhound sowie Mischlinge aus all diesen Rassen.

Auch bei Katzen wurde der MDR1-Defekt bei den folgenden Rassen nachgewiesen: Maine Coon, Siamkatze, Ragdoll, Russisch Blau, Balinesenkatze, Türkisch Angora sowie bei Mischlingen aus diesen Rassen.

Symptome

Betroffene Tiere zeigen nach Gabe von entsprechenden Medikamenten schwere Anzeichen einer Vergiftung bis hin zu Todesfällen:

  • Bewegungs- und Koordinationsstörungen
  • Zittern
  • Erbrechen
  • Benommenheit bis zu Koma

Behandlung und Prognose

Eine gezielte Therapie ist oftmals nicht möglich. Es kann lediglich eine Vergiftungsbehandlung durchgeführt werden. Die Prognose ist abhängig vom Schweregrad der Symptome oft schlecht.

Prophylaxe

Bist du Besitzer:in einer häufig betroffenen Rasse oder eines Mischlings mit unbekannten Rasseursprüngen, ist es sinnvoll, in deiner Tierarztpraxis einen Gentest auf den MDR1-Defekt machen zu lassen. Er kann bereits im Welpenalter entweder über eine Blutuntersuchung oder einen Schleimhautabstrich aus der Maulhöhle durchgeführt werden.

Hat dein Tier einen MDR1-Defekt, teile dies unbedingt jedem/jeder Tierärzt:in vor einer Behandlung mit. Anstelle der regelmäßigen Entwurmung sind beispielsweise regelmäßige Kotuntersuchungen auf Würmer sinnvoll. So musst du nur entwurmen, wenn dies nötig ist.

Hat dein Hund Kontakt zu Pferden, achte unbedingt darauf, dass er keine Pferdeäpfel frisst. Diese enthalten bei frisch entwurmten Pferden teils extrem hohe Dosen an antiparasitären Wirkstoffen enthalten. Auch das Belecken eines mit Antiparasitika behandelten anderen Tieres stellt eine Gefahr dar.

Tier mit MDR1-Defekt sollten konsequent von der Zucht ausgeschlossen werden, um den Gendefekt langfristig zu eliminieren.