Taube oder schwerhörige Tiere haben zwar Einschränkungen, können aber ein genauso glückliches Leben führen wie hörende. Die Ursachen einer Höreinschränkung sind sehr unterschiedlich. Aber wie findest du heraus, ob dein Tier wirklich taub ist? Und was kannst du tun, um ihm das höreingeschränkte Leben leichter zu machen?
Es gibt zwei Arten von Höreinschränkungen:
Bei der Schallleitungs-Störung wird das Schallsignal nicht bis zum Innenohr übertragen. Verantwortlich hierfür sind Probleme im Außen- oder Mittelohr. Die Ursachen sind häufig behandelbar, so dass diese Art des Hörverlustes wieder rückgängig gemacht werden kann.
Bei der Schallempfindungs-Störung liegt das Problem in den Haarzellen des Innenohrs oder im Hörnerv. Dieser wandelt die Schallwellen in elektrische Impulse um und leitet diese an das Gehirn weiter. Diese Störungen verbleiben meist lebenslang, da geschädigte Haarzellen oder Nerven nicht repariert oder neu produziert werden können.
Das Hörvermögen kann bei Infektionen mit Bakterien, Viren, Hefepilzen oder Milben sowie Autoimmunerkrankungen durch die entzündliche Schwellung der Gehörgänge beeinträchtigt werden. Flüssigkeit kann bis zum Trommelfell gelangen und dort die Schallübertragung blockieren.
Verletzungen des Trommelfells können zu einem Hörverlust bis hin zu Taubheit führen. Sie können durch in den Gehörgang geratene Grannen, eine hochgradige Otitis (=Ohrenentzündung, siehe entsprechender Artikel) oder bei Katzen häufig vorkommende Ohrpolypen (siehe entsprechender Artikel) entstehen.
Schwere Verletzungen am Kopf oder den Ohren wie beispielsweise durch Bissverletzungen, Unfälle oder Stürze können einem Hörverlust führen.
Angeborene Fehlbildungen des Außen- oder Mittelohrs können den Schall blockieren oder abschwächen.
Eine angeborene, genetisch bedingte Taubheit kommt bei verschiedenen Tierarten vor (siehe Artikel Qualzucht). Sie wird insbesondere mit der Fellfarbe Weiß vererbt. Besonders häufig betroffen sind weiße Tiere mit blauen Augen. Beim Hund kommen der Merle-Faktor und die Dalmatiner-Färbung dazu.
Bei Erkrankungen wie beispielsweise einer Meningitis (=Gehirnhautentzündung) oder der Staupe beim Hund (siehe entsprechender Artikel) sowie Tumoren können Hörschäden entstehen.
Einige Antibiotika und Chemotherapeutika können Hörverlust bis hin zur Taubheit verursachen. Hierbei kann der Hörverlust erst einige Wochen oder sogar Monate nach Ende der Behandlung auftreten. Antiseptische Produkte zur Reinigung des Ohrs oder bestimmte Bestandteile von Ohrentropfen können bei sehr anfälligen Tieren zu vorübergehender oder dauerhafter Taubheit führen.
Schwermetalle wie Quecksilber oder Arsen, die beispielsweise über belastetes Trinkwasser aufgenommen werden, schädigen das Innenohr.
Altersbedingte Schwerhörigkeit manifestiert sich meist im letzten Lebensdrittel und schreitet allmählich voran. Anfänglich verliert dein Tier die Fähigkeit, hohe Töne zu hören. Mit der Zeit kann sich eine komplette Taubheit entwickeln.
Fällt dir bei deinem Tier auf, dass es deine Rufe ignoriert, weniger oder gar nicht mehr auf Geräusche reagiert oder scheinbar tiefer schläft, ist der Verdacht groß, dass eine Höreinschränkung vorliegt. Eine einseitige Taubheit wird meist nicht bemerkt, wenn das andere Ohr noch normal funktioniert.
Nach einer allgemeinen Untersuchung führt dein/e Tierärzt:in eine Ohruntersuchung durch. Die Gehörgänge beider Ohren werden mit Hilfe eines Ohrenspiegels (=Otoskop, Videootoskop) genau untersucht. Dein/e Tierärzt:in kann dabei Tupferproben entnehmen, um Krankheitserreger nachzuweisen. Das Trommelfell wird auf Beschädigungen kontrolliert.
Mittels Audiometrie, genauer dem BAER-Test (Brainstem Auditory Evoked Response), einem speziellen Hörtest, kann untersucht werden, ob der Schall bis zum Innenohr übertragen wird. So wird die Schallleitung überprüft. Es können dabei der Grad der Schwerhörigkeit und die Frequenzen, die dein Tier nicht hört, bestimmt werden. Dazu werden unter Sedierung (=Beruhigung) Elektroden am Kopf deines Tieres befestigt. Über kleine Stöpsel in den Ohren werden dann Geräusche unterschiedlicher Lautstärke und Frequenz abgespielt. Die Elektroden messen, ob die Geräusche vom Gehirn wahrgenommen werden und zeichnen die Messungen über einen Computer auf.
Mit einer Elektroneurografie (ENG) kann die Nervenleitgeschwindigkeit des Hörnervs gemessen werden. So wird die Schallempfindung überprüft. Dafür werden ebenfalls unter Sedierung Elektroden an der Kopfhaut über dem Hörnerv angebracht und über Ohrstöpsel Geräusche abgespielt. Die Elektroden messen die elektrische Aktivität des Hörnervs. Diese wird von einem Computer aufgezeichnet.
In Ausnahmefällen kann eine Computer- oder Magnetresonanztomografie (siehe entsprechende Artikel) sinnvoll sein, um auf Fehlbildungen im Innenohr oder im Gehirn zu untersuchen.
Es hängt von der Ursache ab, ob und wie eine Höreinschränkung behandelbar ist. Eine angeborene oder altersbedingte Taubheit bleibt meist bestehen. Ist der Hörverlust durch Medikamente oder Schwermetalle verursacht worden, hängt es vom Grad der Schädigung ab, ob sich das Hörvermögen nach Abstellen der Ursache noch regenerieren kann.
Werden Ohrinfektionen, Autoimmun- sowie andere zugrundeliegende Erkrankungen mit entsprechenden Medikamenten behandelt, haben sie eine gute Prognose. Tumore können gegebenenfalls chirurgisch entfernt werden.
Gegen die meisten Ursachen eines Hörverlustes gibt es leider keine Prophylaxe. Die Behandlung mit potenziell ototoxischen (=schädlich für das Ohr) Medikamenten sollte immer unter Nutzen-Risiko-Abwägung geschehen.
Kontrolliere die Ohren deines Tieres regelmäßig, so dass Ohrinfektionen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Reinige die Ohren deines Tieres immer nur äußerlich mit einem Papiertaschentuch. Führe auf keinen Fall Wattestäbchen in den Gehörgang ein. Geht dein Hund oft baden, trockne ihm die Ohren danach gründlich ab.
Ein Hörverlust bedeutet eine erhebliche Einschränkung für dein Tier, insbesondere bei der Kommunikation und Orientierung. Ist dein Tier seit Geburt an taub, kennt es das nicht anders. Es gibt dennoch Dinge, die du beachten solltest.
Grundsätzlich ist es wichtig, höreingeschränkten Tieren ein sicheres Umfeld zu bieten und darauf zu achten, sie nicht beispielsweise mit plötzlichem Annähern oder Hochheben von hinten zu erschrecken. Darüber hinaus gilt es, die akustische Kommunikation durch Mimik und Gestik wie Handzeichen zu ersetzen. Für Hunde gibt es als Hilfsmittel Vibrationshalsbänder. Mit diesen kannst du deinen Hund trainieren, Blickkontakt zu dir zu suchen.
Bei Freigängerkatzen besteht ein erhöhtes Sicherheitsrisiko durch Gefahren wie Autos, die nicht gehört werden. Halte deine taube Katze deshalb in der Wohnung oder nur in einem abgesicherten Bereich im Freien. Verwende bei Spaziergängen mit deinem Hund immer eine Leine und im Dunkeln ein Halsband oder Geschirr mit Reflektoren, so dass er von Verkehrsteilnehmer:innen besser gesehen wird.
Insbesondere wenn dein Tier erst im Laufe des Lebens taub wird, ist es wichtig, vertraute Routinen beizubehalten. Agiere ruhig und geduldig, um deinem Tier Zeit zu geben, deine Körpersprache zu verstehen. Nutze die positive Verstärkung durch Lob oder ab und zu einem kleinen Leckerli, wenn Dinge richtig verstanden wurden. Gib deinem Tier generell durch viele Streicheleinheiten das Gefühl von Sicherheit und Nähe.
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