Das Hufrollensyndrom – nicht nur Sportpferde sind betroffen

Die schon seit 2000 Jahren bekannte Hufrollenentzündung, beziehungsweise Podotrochlose, ist eine Entzündung der sogenannten Hufrolle, einer funktionellen Einheit aus dem Strahlbein, Hufrollenschleimbeutel und der tiefen Beugesehne.

INHALT
Aufbau des Hufgelenks Ursachen und Entstehung Symptome Diagnose Behandlung Prognose Prophylaxe
Aufbau des Hufgelenks

Um das Hufrollensyndrom wirklich zu verstehen, ist es zuallererst einmal wichtig den anatomischen Aufbau des Hufgelenks zu kennen. Oftmals heißt es unter Reiter:innen: „Mein Pferd ist lahm, es hat Hufrolle.“ Genaugenommen hat aber jedes Pferd eine Hufrolle. Diese Bezeichnung steht nämlich erst einmal nur für die funktionelle Einheit aus Strahlbein, Hufrollenschleimbeutel und tiefer Beugesehne. Das Strahlbein ist ein kleiner, länglicher, wie ein Weberschiffchen geformter Knochen, der quer an der Rückseite des Hufgelenkes unter der tiefen Beugesehne liegt. Zwischen der Sehne und dem Strahlbein befindet sich außerdem der Hufrollenschleimbeutel, ein kleines flüssigkeitsgefülltes Säckchen, dass Druck und Reibung zwischen Sehne und Knochen verhindern soll.

Schema Anatomie Pferdehuf
1 Fesselbein | 2 Strecksehne | 3 Hufbein | 4 Huf | 5 Beugesehne | 6 Kronbein | 7 Strahlbein | 8 Hufrollenschleimbeutel
Ursachen und Entstehung

Obwohl das Hufrollensyndrom schon seit der Domestikation des Pferdes bekannt ist, sind nach wie vor nicht alle Faktoren, die zu ihrer Entstehung führen, vollständig aufgeklärt. Da die Hufrollenentzündung bei Wildpferden nicht auftritt, gilt als gesichert, dass es beim Reit- und vor allem beim Sportpferd durch die spezielle Belastung zu Abnutzungserscheinungen und Entzündungen des Schleimbeutels kommt. Diese führen dazu, dass Sehnen und Knochen nicht mehr genügend geschützt sind. Andersherum können auch Veränderungen am Strahlbein zu Entzündungen des Schleimbeutels führen.

Mitverantwortlich für die Erkrankung sind Fehler oder Anomalien in der Hufform, der Zehen- und Gliedmassenstellung und der Zehenachse. Auch Haltungs-, Fütterungs- und Aufzuchtfehler können einen Einfluss auf die Entwicklung der Podotrochlose haben, denn auch junge Pferde, die nie geritten oder beschlagen worden sind, können erkranken. Man geht von einer Veranlagung aus. Eine Erblichkeit wurde bisher nicht bestätigt. Weiterhin diskutiert werden Nervenquetschungen im Bereich des siebten Halswirbels, welche zu Minderdurchblutung der Vordergliedmaße und damit Schädigung der Hufrolle führen können.

Zur genauen Entstehung der Hufrollenentzündung gibt es verschiedene Theorien. Einige Forscher sprechen davon, dass es durch Verstopfung von Blutgefäßen in der Zehe zur Nekrose (=Absterben) von Knochenzellen kommt. Sichtbar wird diese Nekrose im Röntgenbild in Form von ballonartigen Veränderungen, den sogenannten "Lollipop lesions".

Auf der anderen Seite wird vermutet, dass durch den verstärkten Druck der tiefen Beugesehne auf die Sehnengleitfläche des Strahlbeins vermehrt Umbauprozesse im Knochen stattfinden, die zu den beschriebenen Läsionen führen. Nach wie vor gibt es für keine der beiden Theorien eine einheitliche wissenschaftliche Bestätigung.

Symptome

Die Erkrankung entwickelt sich schleichend, weshalb erste Symptome häufig übersehen oder nicht erkannt werden. Oft fällt den Besitzer:innen keine akute Lahmheit, sondern ein flaches, kürzeres oder stumpfer werdendes Gangbild ihres Pferdes auf. Das liegt daran, dass in der Mehrzahl der Fälle beide Vorderhufe betroffen sind. Einige Pferde zeigen einen deutlichen Wendeschmerz, andere wiederum sind so undeutlich lahm, dass die Bewegungsstörung ausschließlich auf hartem Untergrund zu erkennen ist. Beim Reiten können sich anfänglich deutliche Symptome nach der Aufwärmphase sogar verbessern. Am stehenden Pferd kann ein wechselseitiges Entlasten durch Vorstellen der Vorderhufe beobachtet werden. Diese Fehlbelastung kann zu sichtbaren Formveränderungen am Huf führen, zu denen zum Beispiel ein deutlicher Trachtenzwang und eine Sohlenvorwölbung gehören.

Diagnose

Solltest du eine länger andauernde Bewegungsstörung oder oben beschriebene Veränderungen am Huf deines Pferdes entdecken, rufe eine/n Tierärzt:in zu Rate. Eine umfassende Lahmheitsuntersuchung durch eine/n erfahrene/n Pferdepraktiker:in ist die Voraussetzung für eine sichere Diagnosestellung.

Der/die Tierärzt:in sieht sich dein Pferd im Stand, in Bewegung und eventuell auch unter dem Reiter genau an und führt spezielle Untersuchungen wie beispielsweise eine Beugeprobe durch. Zur weiterführenden Untersuchung stehen ihm/ihr unterschiedliche Hilfsmittel zur Verfügung. Mit Hilfe der sogenannten Leitungsanästhesie kann die erkrankte Region am Pferdebein eingegrenzt werden. Hierbei wird ein örtliches Betäubungsmittel an die am Bein verlaufenden Nerven gespritzt, um danach beim Vortraben des Pferdes zu beurteilen, ob sich die Lahmheit gebessert hat oder sogar verschwunden ist. Der erkrankte Bereich lässt sich zusätzlich durch Betäubung des Hufgelenks, des Schleimbeutels oder durch die Messung des Drucks im Hufgelenk und im Hufrollenschleimbeutel eingrenzen. Die somit lokalisierte Region des Schmerzes kann dann mittels spezieller Röntgenaufnahmen genauer betrachtet werden. Im Falle einer Hufrollentzündung ist nach der Leitungsanästhesie oft zu beobachten, dass die Lahmheit "umspringt". Das heißt, dass das Pferd nach der Anästhesie des stärker erkrankten Beins auf der geringer erkrankten Seite lahmt. Im Röntgenbild werden Veränderungen der Knochensubstanz des Strahlbeins oder andere ursächliche Knochenveränderungen dargestellt.

Weitere jedoch weitaus aufwendigere Diagnostikmethoden stellen die Computertomografie und die Szintigrafie (siehe entsprechende Artikel) dar. Beide Methoden können von Nutzen sein, wenn im Vorhinein noch keine eindeutige Diagnose gestellt werden konnte.

Behandlung

Nach bestätigter Diagnose wird dein/e Tierärzt:in mit dir ein entsprechendes Behandlungskonzept erstellen. Da die Erkrankung an sich nicht heilbar ist, sollte die Behandlung immer darauf abzielen, die zerstörerischen Prozesse im Knochen aufzuhalten oder zumindest zu verzögern sowie die Schmerzen zu lindern. Hier muss dein/e Tierärzt:in eng mit deinem/deiner Hufschmied:in zusammenarbeiten, denn nur mit einem entsprechenden, orthopädischen Hufbeschlag kann eine medikamentöse Therapie den gewünschten Erfolg erzielen. Der Hufbeschlag muss so konzipiert sein, dass deinem Pferd das Abrollen erleichtert und die tiefe Beugesehne entlastet wird. Je nach Grad und Ursache der Erkrankung kann dein/e Tierärzt:in auch spezielle Medikamente direkt in das Hufgelenk oder den Schleimbeutel injizieren. Auch Gelenk- oder Schleimbeutelspülungen sind in einigen Fällen sinnvoll. Diese sollten aus Sicherheitsgründen jedoch nach Möglichkeit in einer Klinik durchgeführt werden.

Des Weiteren haben sich diverse Operationsmethoden entwickelt, deren Nutzen nicht unumstritten ist. Einige Maßnahmen führen ausschließlich zu Schmerzfreiheit, andere zu einer verbesserten Durchblutung durch Gefäßweitstellung. Welche Methode in welchem Fall sinnvoll ist, hängt immer vom Grad und Schwere der Erkrankung ab und sollte von deinem/deiner Tierärzt:in nach äußerst gezielter Überlegung eingesetzt werden.

Ein begleitendes, gezieltes Bewegungsprogramm ist mindestens genauso wichtig wie die Therapie selbst. Das Vermeiden von engen Wendungen und eine gute Schrittarbeit sind hier besonders hervorzuheben. Besprich mit deinem/deiner Tierärzt:in welche Medikamente bei deinem Pferd zum Einsatz kommen und wie der individuelle Bewegungsplan auszusehen hat.

Die Vielzahl an Therapieansätzen und Operationstechniken lässt erkennen, wie komplex die Hufrollenerkrankung ist und dass es die "eine" Therapie nicht gibt. Aus diesem Grund sind die eingehende tierärztliche Untersuchung und Diagnosestellung oberste Pflicht, bevor eine Behandlung eingeleitet wird.

Prognose

Wurden bereits deutliche knöcherne Veränderungen am Strahlbein festgestellt, ist eine vollständige Heilung nicht mehr möglich. Das Ziel der Behandlung durch deine/n Tierärzt:in in enger Zusammenarbeit mit deinem/deiner Hufschmied:in sollte daher immer sein, die Funktion der Hufrolle so gut wie möglich wiederherzustellen. Mit Hilfe modernster Diagnostik- und Behandlungsmethoden ist dies in vielen Fällen von Podotrochlose schon gut möglich.

Prophylaxe

Aufgrund der noch nicht vollumfänglich erforschten Ursachen lässt sich die Erkrankung nicht komplett verhindern. Allerdings kannst du viele Faktoren, die an der Entstehung beteiligt sind, positiv beeinflussen.

Folgenden Punkten kommt dabei besondere Bedeutung zu:

  • Schonende Aufzucht mit ausreichend Bewegung
  • Regelmäßige und ordnungsgemäße Hufpflege und -bearbeitung, schon im Fohlenalter
  • Alters- und bedarfsgerechte Fütterung
  • Schonendes, altersgerechtes Anreiten
  • Regelmäßige und gleichmäßige Belastung
  • Angemessene Haltungsform
Disclaimer

Dieser Artikel dient der reinen Information und ersetzt keine tiermedizinische Beratung. Wende dich dazu bitte direkt an deine Tierarztpraxis.