Meningoenzephalitis – eine lebensbedrohliche Erkrankung mit vielen Ursachen

Entzündungen des Gehirns und/oder der Hirnhäute kommen häufig vor, insbesondere im Süden Europas. Sie treten jedoch durch den steigenden Reiseverkehr mit Hunden und Katzen sowie den Import von Kleintieren aus Osteuropa auch in Deutschland immer häufiger auf. Krankheitsübertragende Insekten, die sich durch den Klimawandel immer weiter nach Norden ausbreiten, tragen außerdem dazu bei.

INHALT
Entstehung Ursachen Symptome Diagnose Behandlung und Prognose Prophylaxe
Entstehung

Das Gehirn wird durch die Hirnhäute und die Blut-Hirn-Schranke gut gegen Infektionserreger geschützt. Sind diese Barrieren jedoch nicht intakt, können Erreger aus der Blutbahn in das Gehirn gelangen und dort Entzündungen auslösen.

Durch einwandernde Immunzellen kommt es zu einer Schwellung. Eine durchlässigere Blut-Hirn-Schranke führt außerdem zu Ödemen (=Ansammlungen von Flüssigkeit im Gewebe). Beides verursacht Druck auf die umliegenden Strukturen. Zusätzlich richten Erreger selbst eine Zerstörung des Gewebes an. Je nachdem welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, entstehen so unterschiedliche, teils lebensbedrohliche Funktionsstörungen.

Ursachen

Es gibt vielzählige Erreger, die eine Enzephalitis (=Entzündung des Gehirns), Meningitis (=Entzündung der Gehirnhäute) oder Meningoenzephalitis (=Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute) auslösen können. Neben Viren, Bakterien, Parasiten, Pilzen, Algen und Prionen kommen auch Fehlfunktionen des Immunsystems vor:

Viren

  • FSME (siehe entsprechender Artikel) beim Hund
  • Tollwut (siehe entsprechender Artikel)
  • Aujeszkysche Krankheit (siehe entsprechender Artikel)
  • Staupe (siehe entsprechender Artikel) beim Hund
  • Feline infektiöse Peritonitis (FIP) (siehe entsprechender Artikel) bei der Katze
  • FIV-induzierte Meningoenzephalitis (siehe entsprechender Artikel) bei der Katze

Bakterien

  • Borreliose (siehe entsprechender Artikel)
  • Eine bakterielle Meningoenzephalitis kann bei tieferen Bissverletzungen am Kopf entstehen. Bakterien können auch ausgehend von einem Entzündungsherd im Kopf auf das ZNS (=Zentralnervensystem) übergreifen. Dies kann beispielsweise bei einer Mittelohr- oder Nebenhöhlenentzündung sowie bei einem Zahnwurzel- oder retrobulbären (=hinter dem Augapfel) Abszess passieren. Sie können jedoch auch aus weiter entfernt im Körper liegenden Entzündungen über die Blutbahn ins ZNS abgeschwemmt werden. Dies können beispielsweise Entzündungen der Herzklappen, des Harn- und Geschlechtsapparates oder Milz-Abszesse sein.
  • Eine Form der Listeriose, die Gehirnlisteriose, ist durch eine Meningoenzephalitis gekennzeichnet. Hunde und Katzen erkranken jedoch nur in Ausnahmefällen an Listerien. Diese sind allgemein in der Umwelt und auch im Kot von gesunden Tieren vorhanden. Ansteckungsquelle ist insbesondere rohes Rind-, aber auch Schweinefleisch und Gemüse. Dies ist beim BARFEN (siehe entsprechender Artikel) zu beachten. Der Erreger wird außerdem während der Trächtigkeit über die Plazenta (=Mutterkuchen) auf die Welpen übertragen. Führt dies nicht zum Abort (=Fehlgeburt), können die geborenen Welpen unter anderem eine Meningoenzephalitis ausbilden.

Parasiten

  • Toxoplasmose (siehe entsprechender Artikel)
  • Leishmaniose (siehe entsprechender Artikel)
  • Bei der Neosporose stirbt Gewebe im Kleinhirn ab. Neospora caninum wird über rohes Fleisch von infizierten Rindern auf den Hund übertragen. Hunde scheiden den Erreger wiederum mit dem Kot aus und stecken Rinder über mit Kot verunreinigtem Futter an. Der Erreger wird während der Trächtigkeit über die Plazenta (=Mutterkuchen) auf die Welpen beziehungsweise Kälber übertragen. Symptome treten meistens innerhalb des ersten Lebensjahres auf.
  • Enzephalitis durch Wurmlarven: Larven von verschiedenen Fadenwürmern wandern teilweise weiter in innere Organe und das ZNS. Dabei entstehen erhebliche Schäden und Entzündungen.
  1. Der Waschbärenspulwurm verbreitet sich zunehmend in Europa. In Deutschland sind 50 bis 75 Prozent aller Waschbären bereits damit infiziert. Sie übertragen die Wurmeier über ihren Kot, über Boden sowie Gewässer. Ins Gehirn wandernde Larven wachsen dort weiter.
  2. Der Fuchsbandwurm kommt in Deutschland bei 35 bis 65 Prozent aller Füchse vor. Auch dieser wird über Eier auf dem Boden und in Gewässern übertragen. Die Larven können ebenfalls ins Gehirn wandern.
  3. Der Französische Herzwurm ist in Europa weit verbreitet. Er wird über Schnecken aufgenommen und siedelt sich in der Lungenarterie und dem rechten Herzen an. Seine Larven wandern in seltenen Fällen ins Gehirn.
  4. Trichinen werden durch den Verzehr von rohem, trichinenhaltigem Fleisch vom Schwein, Wildschwein oder anderen Wildtieren und Nagern übertragen wird. Die Trichinellose ist eine meldepflichtige Erkrankung. In Deutschland kommt sie selten vor, da bei der gesetzlich vorgeschriebenen amtlichen Fleischuntersuchung eine Trichinenuntersuchung durchgeführt wird. In Spanien, Bulgarien und Rumänien tritt sie jedoch häufiger auf. Die Infektion verläuft meist symptomlos. Die Larven wandern jedoch in die Muskulatur und in seltenen Fällen auch in das ZNS.
  5. Der Speiseröhrenwurm ist im Süden der USA sowie in tropischen und subtropischen Ländern verbreitet. Er wird über gefressene Käfer übertragen und seine Larven können ebenfalls ins Gehirn wandern.
  • Trypanosomen verursachen in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika die von der Tsetse-Fliege übertrage Schlafkrankheit sowie die über Raubwanzen übertragene Chagas-Krankheit. Beide Erkrankungen gehen mit einer Enzephalitis einher. In Europa kommen die übertragenden Insekten nicht vor.

Pilzinfektionen

Pilze mögen feuchtwarmes Klima und können schwere Erkrankungen des Gesamtorganismus sowie des ZNS hervorrufen. Die Infektion erfolgt über die Nase und Nasennebenhöhlen.

  • Kryptokokken sind Hefepilze, die das ZNS befallen können. Katzen und Hunde infizieren sich durch Einatmen von Pilzsporen aus dem Kot von Tauben und anderen Vögeln.
  • Aspergillus ist ein Schimmelpilz, der bei geschwächtem Immunsystem eine Enzephalitis hervorrufen kann.

Algen

  • Die einzellige Alge Prototheka ist weltweit verbreitet und wird über Wasser und Kot aufgenommen. Sie ist häufig im Kot von Tieren zu finden, ohne Symptome hervorzurufen. Kommt es zur Erkrankung, beginnt diese meist mit blutigem Durchfall. Die Alge kann sich danach im Körper ausbreiten und eine Enzephalitis hervorrufen.

Prionen

Prionen sind körpereigene, jedoch fehlgefaltete Proteine (=Eiweißpartikel), die tödliche, schwammartige Hirnerkrankungen mit Demenz verursachen. Durch eine spontane Genmutation (=Veränderung der Erbinformation eines Gens) kommt es zu einer Strukturveränderung eines körpereigenen Proteins. Prionen können auch durch den Verzehr von mit BSE (=Bovine Spongiforme Enzephalopathie, Rinderwahnsinn) infiziertem Rindfleisch übertragen werden.

  • Die Feline spongiforme Enzephalopathie (FSE) kommt bei der Katze vor.

Idiopathische (=Ursache unbekannt) Erkrankungen

Beim Hund sind die häufigsten Entzündungen des ZNS von unbekannter Ursache. Dabei kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems. Diese kann durch eine vorausgegangene Infektion entstehen, die bereits bekämpft wurde. Eine weitere Ursache kann ein Toxin (=Gift) sein, das nicht (mehr) nachgewiesen werden kann. Häufig spielt eine genetische Veranlagung eine Rolle.

  • Systemischer Lupus erythematodes (siehe Artikel Autoimmunerkrankungen)
  • Die granulomatöse Meningoenzephalitis ist durch kleine, knotige Ansammlungen von Immunzellen im ZNS gekennzeichnet. Sie kommt weltweit bei Hunden vor.
  • Bei der nekrotisierenden Enzephalitis stirbt Gehirngewebe in kleinen Herden ab. Sie kommt bei verschiedenen Kleinhunderassen vor. Der Mops ist genetisch bedingt vermehrt betroffen.
  • Die steril-eitrige Meningitis-Arteriitis des Hundes geht mit einer Hirnhaut- und Blutgefäß-Entzündung einher. Es besteht eine Rasseprädisposition beim Beagle, Boxer, Berner Sennenhund und Nova Scotia Duck Tolling Retriever.
  • Die eosinophile Meningoenzephalitis tritt selten bei Hunden auf. Sie ist gekennzeichnet durch das Auftreten von sogenannten eosinophilen Granulozyten (=spezialisierte weiße Blutkörperchen). Diese kommen ansonsten vermehrt bei Parasitenbefall oder Allergien vor.
  • Die idiopathische Zerebellitis wird auch Little White Shaker genannt, da sie erstmals bei weißen Kleinhunderassen gefunden wurde und mit stark ausgeprägtem, unwillkürlichem Muskelzittern einhergeht. Sie kommt jedoch auch bei anderen Fellfarben vor.
  • Die Meningoenzephalitis der Greyhounds betrifft ausschließlich junge Greyhounds.
  • Bei der idiopathischen hypertrophen Pachymeningitis ist die harte Hirnhaut entzündet.

Symptome

Bei einer Meningoenzephalitis können folgende Symptome auftreten:

  • Hohes Fieber, Fressunlust, Erbrechen
  • Wesensveränderung, Teilnahmslosigkeit, Desorientiertheit
  • Kopfschiefhaltung, Kopfschütteln, Kratzen am Kopf
  • Nackenschmerzen (steifer Gang, steife Haltung), Überempfindlichkeit bei Berührung
  • Bewegungs- und Gleichgewichtsstörungen
  • Lähmungen
  • Krampfanfälle (siehe entsprechender Artikel)
  • Schielen, unterschiedliche Pupillengrößen, Augenzittern / unwillkürliche Augenbewegungen

Bei bakteriellen Infektionen ist der Allgemeinzustand meist sehr schlecht. Es treten akut starke neurologische Symptome auf. Sie sind häufig seitenbetont, je nachdem, welcher Bereich des ZNS betroffen ist.

Diagnose

Nach einer ausführlichen Anamnese (=Erfragen der Vorgeschichte) führt dein/e Tierärzt:in eine allgemeine sowie neurologische Untersuchung durch. Mithilfe eines MRTs oder CTs (siehe entsprechende Artikel) vom Kopf, können eine Meningitis und Enzephalitis dargestellt werden. Meist wird dazu vorher Kontrastmittel (=Substanz zur besseren Darstellung von Strukturen) in die Vene verabreicht. Das Verteilungsmuster der Entzündung kann erste Hinweise auf die zu Grunde liegende Ursache liefern. Bei etwa 25 bis 30 Prozent der entzündlichen Erkrankungen des ZNS zeigen sich jedoch im MRT und CT keine Auffälligkeiten. Dein/e Tierärzt:in wird dann eine Liquorpunktion (=Entnahme von Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit) durchführen, um den Liquor zu untersuchen. Dazu ist eine Vollnarkose nötig. So können entzündliche Veränderungen des ZNS und teilweise auch direkt der ursächliche Erreger nachgewiesen werden.

Behandlung und Prognose

Eine Meningoenzephalitis ist ein lebensbedrohlicher Notfall und bedarf einer sofortigen Behandlung. Diese ist vom Erreger beziehungsweise der Ursache abhängig.

Die Prognose hängt stark vom Zeitpunkt der Diagnose, der Ursache und dem Schweregrad ab. Wird eine Meningoenzephalitis früh erkannt, sind die Heilungschancen oft gut. Schwere Verläufe mit Krämpfen, durch Wurmlarven hervorgerufene oder immunbedingte Formen gehen mit einer hohen Sterblichkeitsrate einher.

Prophylaxe

Die Prophylaxe gegen eine Meningoenzephalitis besteht primär aus dem Schutz vor Erkrankungen durch Impfung, Zeckenschutz und Entwurmung.

Lasse deinen Hund regelmäßig nach den Empfehlungen der StiKo Vet (=Ständige Impfkommission Veterinärmedizin) gegen Tollwut und Staupe impfen. Freigänger, Zucht- und Ausstellungskatzen sollten regelmäßig gegen FeLV (Feline Leukämie, siehe entsprechender Artikel) geimpft werden. So sind sie vor FeLV-assoziierten Krankheiten, die zu einer Meningoenzephalitis führen können, geschützt.

Bei Hunden und Katzen ist zum Schutz vor zeckenübertragenen Erregern wie FSME oder Borreliose eine ganzjährige Zecken-Prophylaxe anzuraten. Wichtig ist zusätzlich das tägliche Absuchen des Fells und das schnelle Entfernen von Zecken. Eine regelmäßige Entwurmung mit entsprechend wirksamen Entwurmungsmitteln schützt gegen den Französischen Herzwurm. Dein/e Tierärzt:in berät dich hierzu gerne.