Diabetes insipidus – der große Durst

Diabetes insipidus ist eine hormonelle Erkrankung, bei der die Nieren übermäßig viel Wasser ausscheiden. Dadurch werden große Mengen an sehr wässrigem Urin produziert, oft mehrere Liter täglich. Der Wasserverlust führt zu großem Durst, so dass betroffene Tiere extrem viel trinken.

INHALT
Physiologie Einteilung und Ursachen Symptome Diagnose Behandlung Prognose Prophylaxe
Physiologie

Um die Erkrankung besser zu verstehen, ist hier einmal die Regulation der Wasserausscheidung beim gesunden Tier vereinfacht erklärt. Hauptsächlich verantwortlich für diese Regulation ist das antidiuretische Hormon (ADH), auch Vasopressin genannt. Dieses wird aus der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet, wenn:

  • das Blutvolumen sinkt, beispielsweise durch geringe Wasseraufnahme oder Blutverlust
  • die Konzentration an osmotisch aktiven Teilchen im Blut (=gelöste Stoffe, die nicht durch die Blutgefäßwände treten können und deshalb Wasser in die Blutgefäße ziehen) ansteigt

ADH bindet an Rezeptoren in den Blutgefäßen und in der Niere. Dadurch kommt es zu einem Zusammenziehen der Blutgefäße und zu einer geringeren Wasserausscheidung durch die Nieren. So steigen der Blutdruck und das Blutvolumen wieder auf ihren Normalwert.

Einteilung und Ursachen

Es werden zwei Arten des Diabetes insipidus unterschieden:

Der zentrale Diabetes insipidus entsteht durch eine verringerte Produktion und/oder Ausschüttung von ADH im Gehirn. Dies kann aufgrund einer Störung im Hypothalamus (=ein Teil des Zwischenhirns, Bildungsort von ADH), in der Neurohypophyse (=Teil der Hirnanhangsdrüse, Speicherort von ADH) oder in den dazwischenliegenden Nervenzellen entstehen. Ursachen dafür können sein:

  • Angeborene Missbildungen
  • Kopfverletzungen
  • Tumoren oder Metastasen (siehe Artikel Gehirntumore)
  • Entzündungen (siehe Artikel Meningoenzephalitis)
  • Blutungen
  • Infarkt (=Absterben von Gewebe infolge einer plötzlichen Sauerstoffunterversorgung, meist durch ein blockiertes oder verengtes Blutgefäß)
  • Idiopathisch (=Ursache unbekannt)

Beim nephrogenen Diabetes insipidus sprechen die ADH-Rezeptoren in der Niere nicht oder nicht genügend auf ADH an. So scheidet die Niere trotz normaler ADH-Menge zu viel Wasser aus. Dies kann in seltenen Fällen ein angeborener Defekt sein, wird aber meist durch folgende Grunderkrankungen oder Faktoren ausgelöst:

  • Hyperadrenokortizismus (=Cushing-Syndrom, siehe entsprechender Artikel)
  • Hypoadrenokortizismus (=Addison-Krankheit, siehe entsprechender Artikel)
  • Hyperaldosteronismus (=Hormonstörung, bei der die Nebennieren zu viel Aldosteron produzieren)
  • Pyelonephritis (=Nierenbeckenentzündung, siehe entsprechender Artikel)
  • Zystitis (=Blasenentzündung, siehe entsprechender Artikel)
  • Pyometra (=Gebärmuttervereiterung, siehe entsprechender Artikel)
  • Hyperthyreose (=Schilddrüsenüberfunktion, siehe entsprechender Artikel)
  • Hyperkalzämie (=zu viel Kalzium im Blut)
  • Hypokaliämie (=zu wenig Kalium im Blut)
  • Lebererkrankungen (siehe entsprechender Artikel)
  • Tumoren (siehe Artikel Tumore bei Tieren)
  • Gabe von Glukokortikoiden (=“Kortison“)
  • Proteinarme Diät

Symptome

Die typischen Symptome eines Diabetes insipidus sind eine ausgeprägte, oft plötzlich einsetzende Polyurie (=vermehrter Harnabsatz) und Polydipsie (=vermehrte Wasseraufnahme). Da die betroffenen Tiere aufgrund des exzessiven Durstes oft weniger fressen, kann dies zu einem Gewichtsverlust führen. Wird der zentrale Diabetes insipidus durch Kopfverletzungen, Tumoren oder eine Entzündung verursacht, können zusätzlich neurologische Symptome auftreten. Beim nephrogenen Diabetes insipidus sind meist Symptome der Grunderkrankung vorhanden. Besteht kein freier Zugang zu Trinkwasser, kommt es zur Dehydration (=Austrocknung), die ein lebensbedrohliches Ausmaß erreichen kann. Bei ausreichendem Wasserangebot bleibt ein Diabetes insipidus jedoch häufig für längere Zeit unerkannt, da die vermehrte Urinausscheidung durch eine erhöhte Wasseraufnahme ausgeglichen wird.

Fällt dir eine Polyurie und Polydipsie bei deinem Tier auf, solltest du durch Messen der Trinkmenge sicherstellen, dass es sich tatsächlich um Polyurie/Polydipsie und nicht um eine Dysurie (=erschwerter, schmerzhafter Harnabsatz), wie bei einer Blasenentzündung oder um eine Inkontinenz (=unfreiwilligen Verlust von Urin, siehe entsprechender Artikel) handelt.

Diagnose

Die Diagnosestellung erfolgt durch schrittweises Ausschließen der möglichen Ursachen.

Zunächst führt dein/e Tierärzt:in nach deinem Vorbericht von Polyurie/Polydipsie eine allgemeine Untersuchung sowie eine Blut- und Harnuntersuchung durch. So wird der durch Grunderkrankungen erworbene nephrogene Diabetes insipidus aufgedeckt. Außerdem erhält dein/e Tierärzt:in Hinweise auf andere Erkrankungen, die wesentlich häufiger als ein Diabetes insipidus Ursache von Polyurie/Polydipsie sind. Insbesondere ein Diabetes mellitus (=Zuckerkrankheit, siehe entsprechender Artikel) muss ausgeschlossen werden. Je nach Grunderkrankung sind noch weitere Tests oder Röntgen- und Ultraschall-Untersuchungen nötig.

Hat dein/e Tierärzt:in mit diesen Untersuchungen keine Ursache für die Polyurie/Polydipsie gefunden, verbleibt noch der zentrale Diabetes insipidus, der angeborene nephrogene Diabetes insipidus und die psychogene Polydipsie (=zwanghaftes, übermäßiges Trinken im Rahmen einer psychischen Erkrankung).

Um auf einen zentralen Diabetes insipidus zu testen, wird ein Therapieversuch mit einem synthetischen ADH-Analogon durchgeführt. Dabei handelt es sich um ein Medikament, das dieselbe Wirkung wie das ADH aus dem Gehirn hat. Dieses kann zuhause verabreicht werden. Anschließend wird die Trinkmenge gemessen sowie täglich der Harn untersucht. Liegt ein zentraler Diabetes insipidus vor, kommt es innerhalb von zwei Tagen zu einer deutlichen Abnahme der Trinkmenge und zu einem Anstieg des spezifischen Uringewichts (=Maß für die Konzentration des Urins). Bei nephrogenem Diabetes insipidus und psychogener Polydipsie werden dagegen keine oder nur minimale Veränderungen beobachtet. Da die Trinkmenge aber auch bei anderen Erkrankungen etwas abnehmen kann, sollte der Therapieversuch nach fünf bis sieben Tagen für fünf bis sieben Tage unterbrochen und danach nochmals für fünf bis sieben Tage durchgeführt werden. Nur wenn sich die Trinkmenge auch bei der Wiederholung stark reduziert, kann die Diagnose zentraler Diabetes insipidus gestellt werden. Eine reine ADH-Messung ist nicht aussagekräftig, da die ADH-Ausschüttung rhythmisch erfolgt, weshalb Messwerte nicht sicher interpretiert werden können.

Wurde weiterhin keine Ursache gefunden, erfolgt die Unterscheidung zwischen einem angeborenen nephrogenen Diabetes insipidus und einer psychogenen Polydipsie durch einen Durstversuch. Dieser darf jedoch aufgrund der Gefahr einer Dehydratation nur unter enger Überwachung in der Tierarztpraxis oder -klinik durchgeführt werden. Er beginnt mit einer dreitägigen schrittweisen Reduzierung der Trinkwassermenge. Danach wird das Futter und Wasser komplett entfernt und die Harnblase per Harnkatheter entleert. Der eigentliche Versuch dauert etwa vier bis acht Stunden. Zu Beginn und alle ein bis zwei Stunden wird das Tier dabei klinisch kontrolliert, gewogen, die Harnblase entleert und eine Harn- sowie Blutuntersuchung durchgeführt. Steigt das spezifische Uringewicht während der Durstperiode an, spricht dies für eine psychogene Polydipsie. Beim nephrogenen Diabetes insipidus kommt es zu keinem oder nur zu einem sehr geringen Anstieg des spezifischen Uringewichts.

Behandlung

Beim zentralen Diabetes insipidus wird dauerhaft ein synthetisches ADH-Analogon gegeben. Dein Tier sollte zudem jederzeit Zugang zu Trinkwasser haben. Beim nephrogenen Diabetes insipidus wird die Grunderkrankung behandelt.

Prognose

Bei idiopathischen, zentralen Diabetes insipidus ist die Prognose bei dauerhafter Behandlung mit einem synthetischen ADH-Analogon gut. Grundsätzlich muss der ständige Zugang zu Wasser gewährleistet sein. Bei allen anderen Formen ist die Prognose abhängig von der Entwicklung der Grunderkrankung.

Prophylaxe

Aufgrund der Vielzahl von Grunderkrankungen und auslösenden Faktoren ist eine spezielle Vorsorge nicht möglich. Die jährliche Vorsorgeuntersuchung inklusive Blut- und Urinuntersuchung hilft jedoch, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Fällt dir bei deinem Tier eine Polyurie/Polydipsie auf, stelle es zeitnah in deiner Tierarztpraxis vor.